Josef Kiening, Genealogie im Gebiet nordwestlich von München

Pfälzer Zuwanderer im Dachauer Hinterland

(geändert 26.2.2016)

Nach der Zuwanderungswelle von 1635 und 1650 in das von den Schweden zerstörte Land blieb die Bevölkerung bis kurz vor 1800 stabil und seßhaft. Die Heiratspartner kamen aus  der nahen Umgebung.   Erst um 1770 kam  eine  Krise.

Die Heiratsmöglichkeiten der Bauern waren erschöpft, nachdem alle Familien seit 150 Jahren hier ansässig und alle Bauern  unter einander eng verwandt waren.  Auffallend häufig blieben nah verwandte Paare kinderlos.

Die Jahre um 1771  fallen durch Mißernten  auf. Wahrscheinlich waren die Sommer  ganz verregnet und das Getreide wurde nicht reif.
Bereits durch zu viel versprochenes Heiratsgut für die weichenden Geschwister verschuldete Höfe  kamen auf die Gant. Sie wurden zwangsversteigert, nachdem manche Höfe schon jahrelang "öd" standen, also nicht mehr bewirtschaftet wurden.

Als Käufer für die  verganteten Höfe treten "Pfälzer" auf.  Für die hiesige Bevölkerung waren alles Pfälzer, wer nicht  die einheimische Mundart sprach.  In Wirklichkeit kamen die Pfälzer aus der  Rheinpfalz und aus der Oberpfalz, also aus weit auseinander liegende Gebieten, die nur den Namen Pfalz infolge der gleichen Wittelsbacher Herrschaft gemeinsam hatten. Die Sprachbarriere zwischen den Dialekten  war vor Einführung der Schulpflicht größer, da die Menschen nicht wie heute Hochdeutsch als gemeinsame Sprache kannten. Die Kinder lernten den ortsüblichen Dialekt natürlich schnell.

Die Oberpfälzer waren alle katholisch.

Aus der Münchener Perspektive waren die Oberpfälzer arme Leute, während die Dachauer Bauern zu den Reichen gehörten. Verblüffenderweise kauften die Armen die Reichen auf ! In der Rheinpfalz und Oberpfalz war Bevölkerungs-Überschuss, während im Dachauer Hinterland ein Vakuum entstanden war.

Bei den Oberpfälzern könnte die Klima-Verschlechterung eine Ursache gewesen sein, siehe Wikipedia "Kleine Eiszeit".  Durch die stetige Abkühlung brachte die Landwirtschaft in den Hochlagen keinen Ertrag mehr und wurde aufgegeben. Vielleicht kaufte der Staatsforst die Flächen und bewaldete sie.

In der Rheinpfalz war eher das politische Durcheinander, Zerstörung und Vertreibung in der Napoleonzeit Anlaß zur Emigration.

Viele Zuwanderer kamen als Familien mit Kindern hier an. Sie brachten so viel Kapital mit, dass sie vergantete Höfe kaufen und wieder in Schwung bringen konnten. Manche großen Höfe wurde geteilt und zwei verwandte oder befreundete Familien arbeiteten zusammen, um den Betrieb aufzubauen.

Als 1803 in Bayern Religionsfreiheit für alle Christen eingeführt wurde, kamen aus der Rheinpfalz  "Protestanten" verschiedener Richtungen, Lutheraner, Calvinisten und Mennoniten.  Protestanten aus außerbayerischen Gebieten wurden noch nicht gefunden, auch nicht aus dem von Bayern zu dieser Zeit erworbenen Franken. (Es geht hier um Bauern auf dem Land, nicht um die Stadt München.)

Vor allem die Protestanten beherrschten eine fortschrittlichere Landwirtschaft mit Stallviehhaltung  und gezielter Düngung, die auch auf schlechten Böden Getreideanbau ermöglichte.

Weitere Zuwanderer kamen aus Südbaden, dem Rheingraben und aus dem Schwarzwald.  Diese waren ebenfalls katholisch.

Die Kinder der katholischen Zuwanderer waren gefragte Heiratspartner der Einheimischen, wahrscheinlich weil sie von ihren fleißigen Eltern reichlich mit Heiratsgut ausgestattet waren. Sie waren mit niemand verwandt und konnten ohne Einschränkung heiraten. So integrierten sich die Zuwanderer innerhalb von 2 Generationen und vermehrten sich explosionsartig.

In den Ahnentafeln der "alteingesessenen" Dachauer Bauern stellen die Pfälzer einen erheblichen Anteil.

Für die Protestanten war die Religion ein Hindernis zur Integration mit der katholischen Stammbevölkerung. Nur ein Teil der Kinder wurde katholisch  oder hat sich angepaßt und mit Katholiken verheiratet, wobei die Kinder aus den konfessionell gemischten Ehen katholisch wurden. Erstes evangelisches Gemeindezentrum war in Oberallershausen.

Die Mennoniten blieben eine in sich  geschlossene Gruppe bis heute und haben ihr Zentrum im Weiler Eichstock. Sie bevorzugten neugründete Siedlungen in ehemals Indersdorfer Klostergütern,  in denen sie unter sich waren.  Ein erheblicher Teil der Mennoniten  ist nach 1835 nach Amerika weiter gewandert, da sie hier keine Expansionsmöglichkeit sahen. Einen Aufsatz darüber  "Zur Geschichte der "Überrheiner" in Altbayern" finden Sie in Amperland Jahrgang 41, 2005 Heft 3.

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