Josef Kiening: Häuser und Familien im Gebiet nordwestlich von München

Säuglingssterblichkeit und Müttersterblichkeit

(August 2017)

Vor dem Jahr 1850 starben in unserem Gebiet über 50 % der Säuglinge und Kinder.
Die Ehefrauen im gebärfähigen Alter waren ständig schwanger. Viele der im Jahresabstand geborenen Kinder sind  sehr bald wieder gestorben, meist 3 Wochen nach der Geburt. Häufigste Todesursache war Fraisen.

Ein statistischer Beweis über die Entwicklung der Kindersterblichkeit ist nicht möglich, da in den Sterbebüchern vor 1810 kaum Säuglinge eingetragen wurden. Vor 1800 wurde es üblich, den Taufeintrag mit einem Kreuz zu versehen, wenn das Kind gestorben ist. Ein Datum oder Alter ist daraus nicht ersichtlich.

Vielleicht haben die Pfarrer den Tod von  Säuglingen nicht registriert, da diese ohne große Zeremonie in einer Ecke des Friedhofes begraben wurden. Das Familiengrab wurde für einen Säugling nicht auf gegraben und die Bepflanzung zerstört.  Die Babys hatten ja noch keine Möglichkeit, zu sündigen und kamen deshalb ohne Umwege gleich in den Himmel. Als muntere Putten tummeln sie sich um die Barockaltäre.

Wenn im Taufbuch wieder ein Kind  mit dem gleichen Vornamen  eingetragen wurde, kann man annehmen, dass das ältere Geschwister bereits gestorben ist.

Im Briefprotokoll zum Nachlass der Mutter findet man die Kinder, welche beim Tod der Mutter noch leben. Oft ist es erschreckend, dass eine Frau 10 bis 20 Kinder geboren hat, und keines hat die Mutter überlebt.

Die Säuglingssterblichkeit war stark vom sozialen Status  Status der Eltern abhängig. Ein Bauer legte Wert auf Kinder, die seinen Besitz weiter erhielten. Arme Häuselleute dagegen wussten, das ihre Kinder zeitlebens als arme Knechte und Mägde dienen mussten und gaben sich nicht viele Mühe mit den Kindern, da sie selbst schon an Mangel litten.
Uneheliche Kinder von ledigen Bauernmägden hatten praktisch keine Überlebens-Chance.

Gelang es einem Paar, den zeitlichen Abstand der  Geburten von einem auf zwei Jahre zu verlängern, verbesserte sich die Lebenserwartung der Kinder und der Mütter. 

Müttersterblichkeit

Nach vielen Schwangerschaften im vorgerückten Alter wurde das Risiko von Komplikationen bei der Geburt größer und endeten oft für die Mütter tödlich.  Hier spielt die Qualifikation der Hebamme eine große Rolle. Als ich alle Familien in Aubing abgetippt habe, hatte ich den Eindruck, dass ab einem bestimmten Jahr, so um 1750 die Müttersterblichkeit schlagartig niedriger wurde. Es konnte nur an einer neuen Hebamme liegen, die ihr Handwerk besser verstand.

Die Väter wollten, dass die Kinder die Mutter überleben, denn wenn "keine Leibserben vorhanden" waren, musste das Heiratsgut der Frau an die Eltern oder Geschwister  zurück gezahlt werden.

Nach dem Tod der Ehefrau wurde meist innerhalb von 6 Wochen wieder geheiratet. Der Betrieb auf dem Hof und im Haushalt musste weiter laufen, wozu eine Frau notwendig war.

War die zweite Ehefrau deutlich jünger als der Mann, so dauerte die Ehe meist nicht lange, eine Art ausgleichende Gerechtigkeit zur Müttersterblichkeit.  Je größer der Altersunterschied  war, um so eher starb der Mann, der noch "in den besten Jahren" war.  Die junge Witwe holte dann ihren Jugendfreund aus dem Heimatort als neuen Ehemann. Damit war das Anwesen vollständig in den Besitz einer anderen Familie geraten und die Erben des Vorbesitzers forderten ihren Anteil, was für den Bestand des Hofes meist schädlich war. Es entstanden paradoxe Situationen, wenn der Stiefvater jünger war als der Stiefsohn.

Von einer "Guten alten Zeit" kann keine Rede sein.

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(C) Josef Kiening, zum Anfang www.genealogie-kiening.de