Kiening: Genealogie im Gebiet nordwestlich von München

Todesursachen

Quellen

Ab 1800 wurden bei den Sterbeeinträgen im staatlichen Auftrag die Todesursachen aufgeschrieben. In der Zeit vor 1800 findet man vereinzelt solche Einträge, zum Beispiel bei Unfällen, Seuchen oder Kriegsereignissen.

Auch heute wird auf dem von einem Arzt ausgestellten Totenschein die Todesursache vermerkt. Diese wird aber nicht vom Standesamt in die amtliche Sterbeurkunde übertragen, sondern nur vom Statistischen Landesamt ausgewertet.

In der vorliegenden Datensammlung sind 8600 Todesursachen erfaßt, soweit die "Datenlieferanten" solche notiert haben. Um Mißbrauch oder Mißverständnisse zu vermeiden, habe ich die Todesursachen aber nicht bei den Personen im Internet veröffentlicht. Sie erscheinen also nur in Ahnentafeln und in einer Statistik. Meist erscheinen gleiche Krankheiten mit unterschiedlichen Bezeichnungen.

Nutzen

Ich kenne einige Familienforscher, die wegen seltenen Krankheiten in der Familie von ihrem Arzt den "Auftrag" zur Familienforschung erhielten, um herauszufinden, ob diese Krankheit eine Erbanlage sein könnte. Auf diese Weise entstanden interessante Ahnentafeln, aber die Todesursachen aus den Sterbeeinträgen erwiesen sich als völlig wertlos.

Allerdings wird in einer neueren Veröffentlichung (Blätter des Bayer. Landesvereins für Familienkunde 66 2003) vom Archiv der Diözese Passau über ein Alzheimer-Projekt berichtet.

Chronische Krankheiten und Todesursachen

Die zur Debatte stehenden Krankheiten, die möglicherweise auf vererbte Veranlagung zurück zu führen sind, sind meist chronische langdauernde Leiden, die jedoch nicht zum Tode führen. Die Todesursache in diesen Fällen ist ein vergleichsweise unwichtiges Ereignis. Beispiel: Ein Parkinson-Kranker leidet jahrelang und er stirbt dann plötzlich an Lungenentzündung. Als Todesursache wird Lungenentzündung eingetragen. Die chronische Krankheit wird nicht erwähnt.

Die Diskrepanz zwischen chronischer Krankheit und akuter Todesursache ist die Ursache, warum eine Auswertung der Todesursachen wenig nützlich ist.

Es gibt Erbkrankheiten, wie die Bluterkrankheit, deren Erbwege genau nachgewiesen sind. Das hat aber nichts mit den Todesursachen in unseren Quellen zu tun.

Statistik

Die beigefügte Statistik enthält die Todesursachen nach Häufigkeit sortiert, mit Anzahl ( getrennt Männer, Frauen, Kinder bzw. Ledige) sowie das Jahr der ersten Nennung. Die Einträge zeigen nur den Stand der medizinischen Kenntnisse auf dem Land.

Es wurden 3 Gruppen gebildet:

Natürliche Todesursachen (Krankheiten) 6850 Nennungen. Die häufigen Fälle wie Wassersucht und Fraisen stehen noch viel öfters in den Quellen, aber die Mitarbeiter hatten keine Lust, ständig das gleich abzuschreiben.

Unfälle (mit vielen verschiedenen Texten) 252 Nennungen

Gewalteinwirkung (einschl. Krieg und Selbstmorde) 211 Nennungen. Bei den Kriegstoten fehlt meist die Todesursache. Der Datenbestand enthält 183 Opfer des Ersten Weltkrieges und 170 Tote des Zweiten Weltkrieges.

Häufigste Todesursachen

Die häufigsten Eintragungen sind "Wassersucht" bei alten Leuten (noch vor "Altersschwäche") und "Fraisen" bei Säuglingen. Da beide Begriffe nicht mehr geläufig sind, sollen sie ganz ohne medizinische Fachkenntnisse erläutert werden:

Wassersucht

Das ist meist eine Herzschwäche. Durch ungenügende Leistung des Herzens und der Nieren wird zuwenig Flüssigkeit ausgeschieden. Es kommt zur Wasseransammlung zuerst in den Beinen, dann im ganzen Körper, bis das Herz versagt. Die Krankheit gibt es immer noch, aber sie wird mit Entwässerungsmitteln erfolgreich behandelt.

Fraisen

Das sind Krampfzustände, im Volksmund "in Froas fallen". "Convulsionen" meinen das selbe. "Froaselnde" Säuglinge verdrehten die Augen und bekamen krampfhafte Zuckungen. Die Ursache ist Kalk- und damit Vitamin-D-Mangel. Diese Mangelkrankheit führte bei Säuglingen regelmäßig im Alter von 3 Wochen zum Tod.

Die Krankheit entsteht durch die ununterbrochenen Schwangerschaften der Mütter. Zum Knochenaufbau des Kindes wird Kalk benötigt, der dem Körper der Mutter entzogen wird. Für das erste und zweite Kind reichte die Reserve der gesunden Mutter. Bei weiteren Geburten im Jahresabstand entstand Kalkmangel und die Kinder hatten kaum mehr Überlebens-Chancen. Nur wenn der Mutter eine Erholungspause von mindestens einem Jahr gegönnt wurde, steigt die Wahrscheinlichkeit wieder, daß die Kinder überleben.

Als Kalklieferant für die Mütter galt in erster Linie Kuhmilch und Milchprodukte. Deshalb hielt vor 1800 jede Familie eine Kuh in der Gemeindeherde, die aber auch nicht ständig Milch liefern konnte.

Es ist deutlich zu beobachten, daß einzelne Familien diese Zusammenhänge erkannten und durch Empfängnisverhütung einen mindestens zweijährigen Abstand zwischen den Geburten anstrebten. Diese Kinder hatten eine deutlich bessere Überlebensrate, als bei einem jährlichen Geburtenabstand. Da von der Kirche die Empfängnisverhütung als Sünde bezeichnet wurde, rechtfertigten sich die Frauen mit dem Märchen, daß sie, solange sie ein Kind stillten, nicht empfängnisbereit seien.

Unter den historischen Gegebenheiten war der Tod der Säuglinge nicht zu verhindern. Der Mangel an Kalk und damit an Vitamin D muß schon während der Schwangerschaft vermieden werden. Längere ununterbrochene Geburtenreihen gibt es heute bei uns nicht mehr, die Ernährung ist besser und alle Säuglinge bekommen zusätzlich Vitamin D. Darum kommt "Fraisen" nicht mehr vor.

Die alljährliche Geburt eines Kindes kann nur als Vergeudung von Lebenskraft der Mütter bezeichnet werden, da auf diese Weise nicht wirklich Nachwuchs erzeugt wurde, sondern nur "Engerl". Die Putten, Kinderfiguren, die sich um die Barockaltäre in Bayern tummeln, sind als Darstellung der gestorbenen Säuglinge anzusehen. Besuchte eine frühere Familie die Kirche, so traf sie hier ihre gestorbenen Kleinkinder wieder und konnte jedem Putto seinen Namen geben.

Berufskrankheiten

Bei Verbindung von Todesursachen mit Berufen lassen sich Häufungen beobachten.

An Tbc (Tuberculose, Lungenschwindsucht, Lungensucht ) starben oft junge Familien (Eltern und deren kleine Kinder) komplett aus. Meistbetroffen waren die Schuster, Weber, aber auch die Wirte. Die überwiegend im Freien tätigen Landwirte litten wenig an Tbc. Vor 1800 gab es hier keine Stallviehhaltung. Diese wurde erst ab 1800 eingeführt und dürfte auch zu einem Ansteigen der Tuberculose geführt haben.

Bei den Schmieden fällt auf, daß sie häufig jung starben. Es kann sich um Unfälle beim Pferde-Hufbeschlag handeln. Die dazugehörenden Todesursachen sind aber nicht überliefert. Die jungen Schmiedefrauen waren oft dreimal verheiratet, während es sonst eher umgekehrt so war, daß ein Mann mit drei Frauen verheiratet war.

Seuchen

Die Pestseuche im Jahr 1582 in Hahnbach / Oberpfalz ist quellenmäßig detailliert belegt. Als die Schweden 1633 die Pest in den Raum München brachten, blieb niemand mehr übrig, der das genau im Einzelfall dokumentieren konnte. Diese Seuche ist zwar allgemein bekannt, genaueres wissen wir aber nicht, denn alle Quellen fehlen

In der Zeit mit Todesursachen in den Sterbeurkunden fallen als Epidemien nur Typhus (Nervenfieber, Faulfieber) zur Zeit der Franzosenkriege und Cholera um 1850 von München ausgehend auf.

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(C) Josef Kiening, zum Anfang www.genealogie-kiening.de