Josef Kiening: Genealogie-Datensammlung für das Gebiet nordwestlich von München

Überleben im Dreißigjährigen Krieg 1618 - 1648

(geändert 10.6.2016)

Der 30-jährige Krieg war eine Katastrophe für Deutschland. Das wird vor allem den Familienforschern heute noch bewusst. Für alle von diesem Krieg betroffenen Gebiete beginnen die überlieferten Archivalien erst nach dem Ende des Krieges. Das Jahr 1650 ist hier für den Familienforscher wie eine unüberwindliche Mauer.

Der folgende Aufsatz will nicht wie die Geschichtsbücher die Kriegsereignisse schildern, sondern die Auswirkungen auf unsere Vorfahren im Gebiet nordwestlich von München und die Konsequenzen für die heutigen Familienforscher. Nicht die bedauerlichen Opfer, sondern die Überlebenden sind unsere Vorfahren und damit das Thema.

Vorgeschichte

Durch die Zerstörung aller Archivalien für das ländliche Gebiet wissen wir über die Zeit vor dem Krieg wenig.

Für das Jahr 1572 wird von einer Pest-Epidemie in München berichtet. 1582 erreicht die Pest die Oberpfalz (siehe Hahnbach). Die Seuche wird auch bei uns zu einer Verjüngung der Bevölkerung geführt haben. Frei werdende Häuser wurden mit jungen Familien besetzt. Das Absinken des Heiratsalters hat ein starkes Bevölkerungswachstum zur Folge. Auch von günstigem Klima wird berichtet. Wirtschaft und Handel profitierten vom geregelten Münzwesen.

Herzog Maximilian versuchte das Bevölkerungswachstum 1616 durch ein Verbot der "Söldenbildung" zu bremsen. Es durften keine Anwesen geteilt und neue Wohngebäude auf den Teilanwesen errichtet werden. Dieses Verbot von "Bauland-Ausweisung" galt bis nach 1800.

Vor allem in den Hofmarksorten wurden um 1600 zahlreiche Häuser errichtet. So nennt das Saalbuch der Hofmark Haimhausen 1591 nur wenige, aber große Bauernanwesen. Im Steuerbuch 1671 wird dann betont, daß alle 50 Häuser schon vor 1632 bestanden haben. Folglich müssten fast 40 kleine Anwesen zwischen 1591 und 1618 neu entstanden sein. Zusätzlich wohnten in den Dörfern viele "Ingeheiße", das waren Familien ohne Hausbesitz . Dr. Hanke hat im "Amperland" 1980 Seite 101 -104 darüber berichtet.

Kriegsjahre 1618 bis 1632

1618 läßt Herzog Maximilian von seinem Feldherrn Tilly ein starkes Heer aufstellen. Es wird sich aus der Übervölkerung hier rekrutiert haben. Dieses Heer zieht nach Norddeutschland und verwüstet dort das Land der Protestanten. Diese peinliche Tatsache wird gerne verschwiegen. Der Herzog und spätere Kurfürst Max ist wohl nie auf die Idee gekommen, dass es Unrecht sein könnte, wenn er die Protestanten berauben oder morden ließ.
Mancher bayerische Soldat wird in Norddeutschland geblieben sein oder dort Nachkommen gezeugt haben. Aus Bayern stammende Familiennamen könnten dadurch nach Norddeutschland gekommen sein.

Kurfürst Maximilien hatte von seinem Vater große Schulden übernommen. Er wird von den Historikern gelobt, daß er diese Schulden tilgte und die Staatsfinanzen in Ordnung brachte. Leider wird nicht verraten, wie er das schaffte. Er musste sein Heer ausrüsten und in den Kriegsjahren entfielen die Steuereinnahmen aus den zerstörten Gebieten. So drängt sich der Verdacht auf, dass die in Norddeutschland geplünderte Kriegsbeute die bayerischen Staatsfinanzen saniert hat.

Obwohl Bayern 1618 bis 1632 nicht direkt vom Krieg betroffen ist, verringert sich der Bevölkerungsdruck durch den Sog des Krieges hier deutlich.

Liste der Kriegsereignisse im Raum Dachau

Erster Schweden-Einfall 1632 bis 1634

Nach dem Sieg am 16. April 1632 in Rain am Lech kann das schwedische Heer ohne Gegenwehr in Altbayern einrücken. Die Heere des Dreißigjährigen Krieges müssen ständig in Bewegung sein. Sie fallen in möglichst unzerstörte Gebiete ein und fressen sie buchstäblich kahl. Was sie nicht aufessen oder mitnehmen können, zerstören sie. Dann müssen sie zwangsläufig weiter ziehen. Begegnungen oder Kampfhandlungen mit einem gegnerischen Heer werden möglichst vermieden.

Der Krieg richtet sich nur gegen die ansässige Zivilbevölkerung auf dem Land. Befestigte Städte bleiben verschont: Die Festung Ingolstadt wird nie angegriffen. Die Stadt München bleibt gegen Lösegeld von Zerstörung und Plünderung verschont. Augsburgs Protestanten empfangen die Schweden als Freunde und werden dafür jahrelang vom kaiserlichen Heer belagert und aus gehungert. Weniger stark befestigte Landstädte wie Aichach und Weilheim wurden abgebrannt.

Es war kein Unterschied, ob das durchziehende Heer zur eigenen oder gegnerischen Partei gehörte. Die Folgen waren etwa die gleichen. In den Alpenraum ist keines der Heere eingedrungen. In engen Gebirgstälern hätte ein kleine Zahl Ortskundiger ein großes Heer aufreiben können.

Es gibt für unser Gebiet nur eine einzige ausführliche zeitgenössische Quelle, das Tagebuch des Abtes von Kloster Andechs. (Maurus Friesenegger: Tagebuch aus dem 30jährigen Krieg, Süddeutscher Verlag München 1974). Was im Kloster Andechs geschah, kann ohne weiteres auch für Kloster Fürstenfeld oder Indersdorf gelten. Trotz aller Plünderung war der Bestand des Klosters nie gefährdet. Die Vorsichtsmaßnahmen und Geldverstecke waren gut und der Überlebenswille der Klosterinsassen war so groß, dass das Kloster den Krieg überstand. Das Kloster und die Klosterbauten erwiesen sich als unzerstörbar.

Leider gilt das nicht für die einfache Landbevölkerung. 1632 wurde sie überrumpelt, ergriff völlig unvorbereitet die Flucht in den nächsten Wald. Nur wenige Gutsituierte, Müller oder Großbauern, konnten Frauen und Kinder an sichere Orte, wie München, Wasserburg, Burghausen oder Traunstein bringen. Wir wissen das aus den Taufbüchern dieser Orte, denn dort wurden 1633 und 1648 Kinder von Familien aus den Kriegsgebieten geboren.

1632 bis 1634 zog das schwedische Heer dreimal entlang der Amper zwischen Augsburg und Landshut und nach München. Das Heer orientierte sich an Straßen und Flüssen. Versteckt liegende Einödhöfe blieben am ehesten sowohl von den Soldaten, als auch von der Pest verschont.

Zweiter Schweden-Einfall 1646 bis 1648

In unseren Archivalien ist vom "1.Feind" oder "2. Feind" die Rede. Gemeint ist der erste oder zweite Einfall des schwedischen Heeres. Es zerstörte 1648, was es 1632 übersehen hatte. Da seit 1632 kaum etwas wieder aufgebaut war und die Bevölkerung durch Erfahrung gewitzt war, waren 1648 die Schäden geringer.

Zusammenbruch der staatlichen und kirchlichen Verwaltung

1648 war im Dachauer Land keine staatliche und kirchliche Verwaltung mehr vorhanden. Der Aufbau der Verwaltung dauerte lange. Bevor ein Steuerbeamter arbeiten kann, müssen erst leistungsfähige Steuerzahler vorhanden sein. Erst ab 1661 gibt es in Dachau wieder Notarurkunden. 

Viele Pfarreien wurden offensichtlich erst nach 1670 besetzt. Ein Pfarrer braucht nicht nur eine Gemeinde und eine Kirche, sondern auch ein Pfarrhaus als Wohnung. Viele Tauf- Heirats- und Sterbebücher in Pfarreien im Dachauer Hinterland beginnen erst nach 1670. Vorher war wohl kein Pfarrer da, der Sakramente spendete und notierte. Heute fragen die Familienforscher, warum vor 1670 die Archivalien fehlen. Es war niemand da, der die Urkunden schreiben konnte. 

Schäden an Gebäuden

Alle Gebäude auf dem Land waren aus Holz gebaut und mit Stroh gedeckt. Wurde bei trockenem Wetter ein Strohdach angezündet, brannte das ganze Dorf ab.

Kirchen waren die einzigen Steinbauten. In römischer Bautradition war für Kirchen Mauerwerk vorgeschrieben. Im Alpenvorland fehlen geeignete Bausteine, denn aus den runden Kieselsteinen der Eiszeitgletscher lassen sich keine Mauern errichten. Ziegelsteine zu brennen war teuer. Viele unserer alten Landkirchen werden aus den Resten römischer Bauwerke gemauert sein. Sie wurden so solide fundiert und gemauert, daß sie bis heute unbeschädigt stehen. Die wütenden Soldaten des Schwedenkrieges konnten dem Mauerwerk nichts anhaben. Nur die hölzerne Dachkonstruktion war brandgefährdet. Zum Sprengen von Kirchtürmen war das Schießpulver zu kostbar .

Für Schloß- und Herrschaftsgebäude gilt das gleiche wie für die Kirchen. Gemauerte oder teilweise gemauerte Bauernhäuser und Pfarrhäuser waren die Ausnahme. In Haimhausen wird nur ein Gebäude als unzerstört gemeldet, das Badhaus. Es war wegen der erhöhten Feuergefahr offensichtlich gemauert.

Holzgebäude verbrennen selten restlos. Damit sind wir beim Begriff der "Brandstätten". 1632 bis weit über das Jahr 1650 hinaus sind die meister Häuser als Brandstätten geführt. Es gibt kein Bild und keine Schilderung, wie Brandstätten aussahen. Es waren wohl Erdlöcher unter verkohlten Balken und dienten jahrelang als Wohnung.

Verluste an Menschen

Todesfälle durch unmittelbare Gewalteinwirkung der Soldaten wurden zwar in Sterbebüchern mit Empörung dokumentiert ("Von den Schweden erschlagen"), waren aber weniger als die Todesfälle durch die nachfolgende Pest. Die obdachlose und hungernde Bevölkerung in den Brandstätten war geschwächt und anfällig. Die Pest-Infektion wurde durch Ratten-Flöhe übertragen und kam im Gefolge der Soldaten mit den Ratten.

Aus Hunger hatten die Menschen auch ihre Hunde und Katzen aufgegessen, was eine Massenvermehrung der Ratten verursachte.

Flüchten kann nur, wer die erforderliche Ausrüstung, also Pferd und Wagen, besitzt und am Fluchtziel seinen Lebensunterhalt entweder mit Geld oder Arbeit finanzieren kann.

Die ärmere Dorfbevölkerung, die Häusler, wurden von der Katastrophe an härtesten getroffen. Wurde ihre einzige Kuh geschlachtet und das Haus abgebrannt, so standen sie vor dem Nichts. Es blieb ihnen nur, mit dem Kriegsheer mit zu laufen und selbst Beute zu rauben. Nur junge Leute hielten das längere Zeit durch.

Die Heere konnte ihre eigenen Verluste ( durch Krankheit und Erschöpfung, nicht durch Kampf) so mühelos ausgleichen. Unsere Archivalien berichten über solche Fälle: "... ist mit den schwedischen Reitern mitgeloffen. Sollte er wieder zuhaus kommen, .." .

Spektakulär war der Lebenslauf des Ignaz Jais.

Nicht jeder Flüchtling kehrte zurück. Mancher fand eine Einheirat oder Existenz am Fluchtort. 1635 stellte die Hofmark Rinnenthal (Kreis Friedberg) Geburtsbriefe aus, die Flüchtlingen von 1632 die Ansässigmachung in der Gegend von Traunstein ermöglichten.

Versteckte Einödsiedlungen

Wie geschildert, folgte der Heereszug Straßen und Flüssen. Von hier schwärmten kleine Trupps aus, die Umgebung zu plündern, denn die Orte an der Straße reichten zur Versorgung des Heeres nicht aus. Kirchtürme zeigten die Lage der Dörfer und führten die Soldaten zu ihren Opfern. Im Dachauer Hügelland gibt es versteckt abseits liegende Einöden, die nicht entdeckt wurden und von Zerstörung und Pest verschont blieben. Da fanden sich die Flüchtlinge zusammen. Von hier wurde der Wiederaufbau nach dem Krieg betrieben.

Hier regte sich gewalttätiger Widerstand, der natürlich nirgends dokumentiert ist. Der Andechser Abt deutet es an (Seite 35): "Unter der Zeit taten sich die Machtlfinger Bauern mit mehr anderen in der Gegend zusammen, versahen sich mit Waffen und wollten die berauschten und schlafenden Freibeuter zu Herrsching nächtlicher Weise überfallen, morden, und die Beute ihnen abjagen."

Den Einheimischen kam die Geländekenntnis zu Hilfe. Wenn sie in der Überzahl waren und einen kleinen Trupp der Soldaten überwältigen konnten, werden sie zugeschlagen haben. Das lohnte sich, denn die Soldaten trugen ihre Beute in Edelmetall bei sich. Sie konnten die Beute nirgends deponieren. Die Bauern vergruben alle Wertgegenstände an sicheren Orten.

Die allgemeine Gewalttätigkeit ließ sich mit dem Ende des Krieges nicht unterdrücken und führte noch lange zu Wirtshausraufereien und anderen Gewalttaten.

Befestigung von München

1632 gab es um München nur eine Stadtmauer, die Kanonenkugeln nicht stand gehalten hätte. München wurde deshalb kampflos an die Schweden übergeben, gegen Zahlung einer großen Lösegeldsumme. Diese Geschichte kann als bekannt voraus gesetzt werden.
Der Kurfürst befahl und bezahlte darauf hin die Errichtung von mächtigen Wall-Anlagen mit Gräben und Bastionen um die ganze Stadt.
Der Bau wurde im wesentlichen ab 1633 begonnen und war 1646 fertig. Der Erfolg zeigte sich 1648, als das schwedische Heer wieder hier war, aber keinen Angriff auf München versuchte, sondern sich auf die Plünderung des Umlandes beschränkte. Die Münchener Besatzung fühlte sich hinter den Wällen sicher und wagte sogar Überfälle auf die Schweden vor der Stadt.

Die Schanzbauern

In der Münchener Stadtgeschichte steht während der Baujahre: Im März sind  die Schanzbauern angekommen  und haben an den Wällen gearbeitet.  Wer waren die Schanzbauern ? 

Ich stelle mir das so vor: Wer das Schwedenjahr 1632 im Raum Dachau überlebt hatte oder neu zugewandert war, verbrachte den Winter im unzerstörten Gebiet am Alpenrand (Zuwanderer aus Tirol ) und kam im März zu seiner Hofstelle im Dachauer Gebiet. Hier war ja nur eine Brandstätte, kein Haus, in dem man den Winter überleben konnte.  Mit den Pferden wurden die Ackerflächen für Sommergetreide gepflügt und gesät.  Dann kamen sie nach München und waren den Sommer über zusammen mit den Pferden beschäftigt mit dem Bau der Wälle. Es wurden Gräben ausgehoben und der Kies als Wall dahinter aufgeschüttet.  Dieser Wall mit seinen Bastionen und Vorsprüngen war mit Kanonenkugeln nicht zu zerstören. Der Graben wurde mit Isarwasser gefüllt.

Das war ein Konjunkturprogramm für die sonst unbeschäftigten Bauern. Es war noch sinnlos, die Höfe im Dachauer Land aufzubauen, denn der Feind konnte jederzeit wieder auftauchen und zerstören. Die guten Getreideäcker mussten jedoch gepflügt und angebaut werden, damit kein Wald auf kam, der nur schwer wieder zu roden war. Bis kurz vor der Erntezeit war ein Getreidefeld unzerstörbar.
Als im Herbst das Getreide reif war, wurde es geerntet und ungedroschen ab transportiert, in München verkauft oder im Winterquartier in "Tirol"  gedroschen. Mit der Schanzarbeit verdienten die Bauern im Sommer Geld und waren sinnvoll beschäftigt. Den Winter verbrachten sie sicher bei Verwandten im Gebirge. Milch und Brennholz gab es dort genügend.  Das Getreide brachten sie im Herbst mit.

Kriegsende 1648

Nach dreißig Jahren Krieg waren alle für diese Art der Kriegsführung geeigneten Gebiete in Deutschland verwüstet. Nur Gebirgsgegenden, in denen für die Soldaten nichts zu erbeuten war, blieben verschont. Die Heere hätten, um überleben zu können, nur nach Österreich oder Frankreich ziehen können. Das war den dort Regierenden, die vorher den Krieg geschürt hatten, doch zu riskant und deshalb schlossen sie lieber Frieden. Beim Friedensschluß 1648 stand das schwedische Heer bei Dachau, ist dann nach Böhmen und Mähren abgezogen und dort aufgelöst worden. Über die Ansiedlung entlassener Soldaten ist in unseren Archivalien nichts zu finden.

Aufbau der  Verwaltung

Mit der Zerstörung der Orte Dachau, Aichach, Fürstenfeldbruck, Landsberg verschwand auch die staatliche Verwaltung. Alle Archivalien gingen verloren. Ländliche Pfarreien hatten kaum noch Pfarrer. Es sind also nicht nur frühere Pfarrbücher verloren gegangen, sondern es fehlten auch die Pfarrer, um die Sakramente zu spenden und zu dokumentieren. Nur Fragmente sind erhalten. Ab 1650 wird die Verwaltung zaghaft wieder aufgebaut.

Das Steueraufkommen der zerstörten Orte fällt auf Null. Das Leibbuch (Steuerregister) für die Jahre 1640 bis 1644 verzeichnet z.B. für Großinzemoos stets "nichts", "keiner mehr vorhanden". Trotzdem ließen nach dem zufällig erhaltenen Taufbuch von Vierkirchen in dieser Zeit in Großinzemoos 40 verschiedene Familien Kinder taufen. In normaler Zeit hatte der Ort 20 Häuser. Nun hausten in den Brandstätten während der 5 Jahre doppelt so viele Familien, wenn auch nicht gleichzeitig. Das "nichts" im Steuerbuch bedeutet also nur, daß keine davon zur Steuerzahlung verpflichtet oder fähig war.

Nordwestlich von München blieb nur die Verwaltung von Kloster Fürstenfeld und Kloster Indersdorf intakt. Nur auf die Archivalien der beiden Klöster kann sich heute die Familienforschung stützen. In meiner Datensammlung sind für die Besitzungen des Klosters Indersdorf alle Eigentümer genannt. Von 1632 bis 1650 wechseln sie in kurzen Abständen. In den Brandstätten hielt keiner lange aus, er starb oder fand ein besseres Unterkommen.

Gefahr einer Revolution

Die Landbevölkerung war von der Regierung völlig im Stich gelassen worden und stand 1648 wohl kurz davor, sich von der Basis her selbst zu organisieren, um die Anarchie zu beenden und um die zum Leben notwendige Sicherheit wieder herzustellen. Kurfürst Maximilian befürchtete zu Recht eine Revolution und beendete den Krieg.

1705, als schon wieder das Land, diesmal von den Österreichern, besetzt war, fand die Revolution wirklich statt. Sie blieb erfolglos, weil die Kriegsverursacher nicht beseitigt werden konnten. An den Kaiser in Wien und an den Kurfürsten in Brüssel kamen die Revolutionäre nicht heran.

Die Akteure von 1705 hatten das Ende des Dreißigjährigen Krieges als Kinder oder Jugendliche erlebt und wollten vorbeugen, daß solche Zustände nicht wieder eintreten sollten. Auffallend ist, daß der Aufstand von 1705 nur aus Gebieten kam, die vom Dreißigjährigen Krieg nicht betroffen waren. Das kann daran liegen, daß zum Bespiel das Gebiet zwischen München und Augsburg schon wieder mit fremden Soldaten besetzt war und die Bevölkerung keine Möglichkeit zum Aufstand sah. Vielleicht ging es bei der direkt betroffenen Bevölkerung aber nur um das einfache Überleben, wie auch schon 1648. An Problemlösungen, die die Ursache des Übels beseitigt hätten, war gar
nicht zu denken. In den benachbarten, aber nicht direkt betroffenen Gebieten überblickte man die Situation besser und konnte noch handeln, aber ohne Erfolg.

Wiederaufbau

Informationen über die Herkunftsorte der Zuwanderer stammen alle aus Stiftsbriefen von Kloster Indersdorf oder aus zufällig entdeckten Archivalien der unzerstörten Herkunftsorte.

Zuwanderung vom Samerberg (von Josef Rieder, mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.)

Die Zuwanderer-Familien aus dem Oberland kamen alle 1635. Zurückkehrende Flüchtlinge konnten noch nicht festgestellt werden, sondern nur in Sicherheit gebrachte Frauen und Kinder. Die Männer sind scheinbar hier geblieben. Da die Quellen nur Männer nennen, wissen wir nicht, wie viele Witwen ihren Besitz behaupteten und mit einem neuen Gatten den Aufbau wagten.

Die verwaisten Bauernhöfe in den Dörfern wurden von den Überlebenden aus den benachbarten Einöden bis 1650 sofort wieder besetzt. Dabei ist zu bedenken, daß die Zahl der Bauern nicht groß ist.

Der Aufbau der vielen kleineren Anwesen dauerte länger. Herkunftsangaben für die neuen Besitzer fehlen völlig. Es könnten z.T. entlassene Soldaten gewesen sein, die seit ihrer Kindheit mit einem Heer durch Deutschland gezogen sind. 1650 hatte jeder eine Chance, der ein Haus aufbauen wollte. Noch bis 1720 beruft man sich bei Neubauten darauf, daß bis 1632 an dieser Stelle schon einmal ein Haus stand und folglich Baurecht bestand.

Für die neuen Gebäude stellten die Grundherren oft kostenlos das Bauholz. Hatte der Zimmermann die Balken "gerichtet", half die Dorfgemeinschaft zusammen, um sie "aufzuheben".

Um 1650 sinkt die Kindersterblichkeit kurzzeitig ab. Bauernfamilien mit großer Kinderzahl sind häufig. Verbesserte Hygiene in den sauberen Neubauten könnte dazu beigetragen haben.

Das verlorene Vieh musste neu beschafft und gezüchtet werden, ebenso das Saatgut. Große Mühe bereitete die Rodung der verbuschten Äcker. Wird ein Acker oder eine Wiese nicht ständig bearbeitet, siedelt sich sofort Wald an. Als erstes wachsen Hollerstauden, dann Erlen, Birken, schließlich Waldbäume. Die Beseitigung der Wurzelstöcke ist mit einfachen Handwerkzeugen kaum zu schaffen.

Vor dem Krieg waren die Gebäude überwiegend von den Grundherren errichtet worden und auf Leibrecht verstiftet worden.  Nun waren die Grundherren nicht in der Lage, so viele Gebäude auf einmal aufzubauen. Deshalb erfolgte der Aufbau auf Kosten der Untereigentümer und das neue Leiherecht war Freistift oder Erbrecht, was praktisch das gleiche war. Die Gebäude waren damit Eigentum der Untereigentümer, was deren wirtschaftliche Situation und Selbstbewußtsein stärkte.

Veränderungen beim Obereigentum

Vor dem Krieg gab es bürgerliche Obereigentümer, wie die Münchner Patrizier  Ligsalz und Barth,   um nur  die bekanntesten zu nennen.  Einige davon überlebten auf  ländlichen Schlößchen und rückten  in den Adelsstand auf.  Mehr Bürgerfamilien erloschen und vermachten ihr Obereigentum einer kirchlichen Stelle. Vor allem das Augustinerkloster und das Angerkloster in München profitierten davon.

Vermögensentwicklung der Bauern

Als Familienforscher interessiert mich vor allem die Situation der in den Ahnentafeln stark vertretenen Bauern. In der ländlichen Gesamtbevölkerung haben die Bauern nur 20 % der Anwesen, geben aber den Ton an und sind fast allein in den Ahnentafeln genannt. Nach dem Studium vieler Archivalien habe ich nun die Meinung, daß die Bauern viel Kapitalvermögen im 30-jährigen Krieg erworben haben und als Gewinner dieses Krieges anzusehen sind.

Die Gesamt-Geldmenge hat sich in diesem Krieg nicht verändert. Das Geld war als Edelmetall-Münzgeld wertbeständig und keiner Inflation unterworfen. (Die Kipper-Wipperzeit war nur eine kurze Episode.) Durch die Reduzierung der Bevölkerung konzentrierte sich das Vermögen auf wenige Überlebende. Bei wachsender Bevölkerung werden die Erbportionen wegen der vielen Nachkommen kleiner. Bei schrumpfender Bevölkerung ist es umgekehrt. Die wenigen erben nicht nur von Eltern, sondern auch von Onkeln und Tanten. So lange ein Überlebender das Geldversteck wußte, war das Geld nicht verloren.

Die Soldaten raubten und plünderten zwar so viel wie möglich. Ein Kapitalabfluß etwa nach Schweden war damit offensichtlich nicht verbunden. Nach 20 Jahren Krieg waren kaum noch Schweden im schwedischen Heer. Heimkehrende Soldaten brachten ihre Beute heim. Ein Quellen-Hinweis auf heimkehrende Soldaten aus unserem Gebiet ist mir allerdings nicht bekannt. Der Anteil der Heimkehrer im Verhältnis zur Gesamtzahl der Soldaten dürfte sehr gering sein. Umgekommene Soldaten wurden sofort ausgeplündert.

Wer in der Notzeit des Krieges noch Lebensmittel produzieren konnte, erzielte damit Wucherpreise. Zu jeder Zeit waren Kriege und Nachkriegs-Notjahre für die Bauern wegen der hohen Lebensmittelpreise goldene Jahre, bei unveränderten Herstellungskosten. Im Friedensjahr 1671 (Steuerbuch) klagen die Bauern über die "wohlfeilen Zeiten", in denen sie keinen Gewinn mehr erzielen können.

Die hungernden Städter wurden finanziell ruiniert. Die Städte München und Augsburg blieben zwar stehen, verloren aber mit dem Krieg Lebenskraft und Kapital. Erst um 1850 bekommen diese Städte neue Vitalität.

Das Geldvermögen der Bauern zum Kriegsende stammt aus 4 Quellen: erstens die Geldnachlässe der vielen ohne Nachkommen Verstorbenen, zweitens die hohen Verkaufserlöse für Lebensmittel zu Kriegszeiten, drittens von ausgeplünderten toten Soldaten und viertens das von den zugewanderten Neusiedlern mitgebrachte Kapital.

Hofbewertung

Das Steuerbuch 1671 enthält viele Beispiele in dieser Art: Eine Bauernhof-Brandstatt war 1635 "gratis" zu erwerben, denn es war kein Vorbesitzer und kein Hof mehr vorhanden. Der Grundherr forderte 100 Gulden Laudemium. Der Wiederaufbau der Gebäude kostete 300 Gulden. Der selbst herangezogene Viehbestand und die Fahrnis sei ebenfalls mit 300 Gulden angesetzt. Erwerb und Aufbau erforderten also 700 Gulden Bargeld. Bei der ersten Übergabe nach dem Krieg wird der Hof plötzlich mit 2000 Gulden bewertet. Das ist der Verkehrs- oder Marktwert. Die Kinder werden mit diesem oder noch höheren Betrag bar ausbezahlt. Offensichtlich war also bei Kriegsende ein Bargeldkapital in dieser Höhe vorhanden.

Infolge ihrer Knappheit werden die Immobilien seitdem stets überbewertet. Der Ertrag aus dem Anwesen steht in keinem Verhältnis zum Verkehrswert.

Die Überbewertung entsteht durch reichlich vorhandenes Bargeld, das aus den oben genannten Quellen stammt, die mit der normalen Landwirtschaft nichts zu tun haben. Das Geldvermögen kreist in Form von Heiratsgut innerhalb des Bauernstandes, gut versteckt und nur zur Auszahlung von Heiratsgut hervorgeholt.

Umverteilung

Leider verbrauchte sich dieses Kapital und es wird in Friedenszeiten nichts nachgeschafft. Bei jeder Übergabe und Heirat zweigten die Grundherren 7,5 % als Laudemium ab, folgerichtig in dem Moment, da das Geld aus dem Versteck auf den Tisch geholt wird.

Die Bauern hatten mehr Kinder, als im Bauernstand durch Heirat unterzubringen waren. Deshalb ziehen Kinder in die Stadt und nehmen ihr Erbteil mit. Viele Bauernkinder heiraten in kleinere Anwesen ein und verteilen so das Kapital der Bauern auf die ärmere Bevölkerung.

In den 150 Jahren bis zum Jahr 1800 ist das Kapital des Bauernstandes durch die Umverteilung verbraucht, es kommt zu Vergantungen (Zwangsversteigerungen).

Rechtliche Änderungen

In der Zeit der Übervölkerung vor dem Krieg verstiften die Grundherren die Anwesen, z.B. Mühlen etc. nur für kurze Zeit, z.B. für 3 Jahre. Danach kommt ein anderer Besitzer und der Vorgänger muß von dem in den 3 Jahren verdienten Geld leben oder beim Nachfolger als Knecht dienen. So sollten Erwerbsmöglichkeiten für mehr Leute geschaffen werden.

1635 kehrt sich die Situation völlig um. Um Käufer zu finden, wird, falls das Anwesen vom Grundherren neu gebaut wurde, auf Leibrecht , also auf Lebenszeit verstiftet. Das Leibrecht wirkt sich ungünstig auf den Baubestand aus. Deshalb erhalten die Bauern und kleineren Anwesen Freistift, die später in Erbrecht umgewandelt wird und errichten die Gebäude selbst.

Die rechtliche Situation für die Bauern ist seitdem in ihrer praktischen Handhabung so gut, daß die "Bauernbefreiung" hierzulande wenig Interesse findet. Ich sehe das als Folge der Bevölkerungsverluste im 30-jährigen Krieg.

Weitere Kriege 1705 und 1740

1705 und 1740 gab es eine längere Besetzung Bayerns durch die Österreicher. Die Schäden waren jedoch nicht mit dem 30-jährigen Krieg vergleichbar.

1705 wird z.B. das Dorf Harthausen (Kr. Friedberg) abgebrannt. Die Pfleggerichte Kranzberg  und Friedberg verloren die Registratur. Dort  beginnen die Briefprotokolle erst 1705.

Der Volksaufstand von 1705 ("Sendlinger Bauernschlacht") erfaßte große Teile Bayerns. Die 1650 zerstörten Gebiete beteiligten sich nicht daran. Später wurde diese Revolution falsch als bayerisch patriotisch dargestellt. Der Aufstand richtete sich gegen der Kurfürsten im Brüsseler Exil genauso wie gegen den österreichischen Kaiser und deshalb waren Kurfürst und Kaiser einig, daß er rücksichtslos niederzuschlagen sei.

Das Wunder der Barockkirchen

Ähnlich wie dem 2. Weltkrieg im zerstörten Deutschland das "Wirtschaftswunder" folgte, so folgte in Bayern auf die Zerstörungen im 30-jährigen Krieg der Bau-Boom der Barockkirchen.

Die Bauern sammelten während des Krieges das Geldvermögen ein. Die Kirche, vor allem die Klöster als Grundherren schöpften es im nächsten Jahrhundert als Laudemium ab und finanzierten damit die prächtigen Kirchenbauten. Als um das Jahr 1800 das Kapital der Bauern verbraucht war, war auch die Blütezeit der Klöster zuende.

Demographische Folgen des Krieges

Am Ende des Krieges im Jahr 1650 lebten in allen bäuerlichen Anwesen junge Familien. Die Altersstruktur in den zerstörten Gebieten in Altbayern bzw. in ganz Deutschland war plötzlich vereinheitlicht. Wer von den Jugendlichen überlebt hatte, gründete sofort eine Familie. Während der Kriegsjahre überlebten kaum Kinder. Doch im ersten Friedensjahr war überall Nachwuchs vorhanden. Die weiteren Generationswechsel erfolgten deshalb schubweise jeweils im Abstand von etwa 31 Jahren. Rechnet man das weiter: 1650, 1681, 1712, 1743, 1774, 1805, 1836, 1867, 1898, 1929, 1960, 1991.

Um die Jahre 1681, 1712, 1743 waren demnach besonders viele Laudemien fällig. In den Heiratsjahren der geburtenstarken Jahrgänge floß eine Geldwelle in die Klosterkassen und ermöglichte jedesmal eine besondere Baukonjunktur im Kirchenbau.

Im Jahr 1774 war das Geld aus dem 30-jährigen Krieg ziemlich verbraucht. Höfe kamen zur Versteigerung, um die Erbansprüche der Kinder zu decken. Das Jahr 1805 geht in den Wirren der Napoleonzeit unter.

Auffallend, daß die Bauwellen des 19. Jahrhunderts mit den obigen Jahreszahlen zusammenfallen: Um 1836 und um 1867 wurden besonders viele Häuser auf dem Land neu gebaut und dabei die alten Holzhäuser durch Ziegelbauten ersetzt.

Der erste und der zweite Weltkrieg wurden zum demographisch ungünstigsten Zeitpunkt angefangen. Überwiegend "alte" Männer wurden in den Krieg geschickt, weil die jungen Soldatenjahrgänge zahlenmäßig zu wenig waren. Diese Kriege haben die Wellen wieder verstärkt.

Sogar die geburtenstarken Jahrgänge der Gegenwart und der "Pillenknick" dazwischen sind nach meiner Meinung eine Folge des Dreißigjährigen Krieges.

Zusammenfassung

Kriege sind keine Naturkatastrophen. Der Dreißigjährige Krieg entsprang wie alle Kriege vorher und nachher nur dem Größenwahn der Regierenden. Irgendwelche religiöse oder weltanschauliche Motive werden nur als Vorwand benützt und sind kaum der Rede wert.

Die realen Folgen der Kriege weichen oft sehr von den Wunschzielen derer ab, die die Kriege auslösen und verursachen.

Beim Dreißigjährigen Krieg sind die Bauern zunächst die Leidtragenden, langfristig jedoch die Gewinner. Sie wurden wirtschaftlich stärker und entwickeln neues Selbstbewußtsein.

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(C) Josef Kiening, zum Anfang www.genealogie-kiening.de