Kiening Genealogie im Gebiet nordwestlich von München

Warum gab es ab 1800 so viele uneheliche Kinder ?

In den Taufbüchern (im Gebiet nordwestlich von München) vor 1800 findet man kaum uneheliche Kinder. Die Bevölkerungszahl blieb fast konstant. Wer heiraten wollte, fand auch Gelegenheit, ein Haus zu kaufen und eine Familie zu gründen.

Als im 19. Jahrhundert der Staat Maßnahmen zur Senkung der Kindersterblichkeit ergriff, ändert sich die Situation. Auf dem Land gab es weder Wohnungen, noch Arbeitsplätze für die wachsende Bevölkerung.

Neue Häuser durften nicht gebaut werden. Wer kein Hauseigentum hatte, durfte auch nicht heiraten. Die Gemeinden befürchteten, dass die Besitzlosen der "Wohlfahrt" auf Kosten der Gemeinde, moderner Ausdruck dafür ist "Sozialhilfe", zur Last fallen würden. Deshalb erteilten sie keine Heiratslizenzen. Ohne diese gab es keine Heirat. Was blieb den Paaren anderes übrig, als ihre Kinder unehelich zu bekommen ?

Als die Heiratsbeschränkungen um 1865 aufgehoben wurden, wurden viele Heiraten nachgeholt. Die Nachkommen fragen sich heute, warum die Paare erst nach 1865 geheiratet haben, als ihre Kinder oft schon erwachsen waren. Sie konnten vorher nicht heiraten.

Taufbuch-Einträge bei unehelichen Kindern

Die Pfarrer äußerten sich oft abfällig über die unehelichen Kinder, auch in Bemerkungen in den Pfarrbüchern. Sie ignorieren dabei völlig, unter welchen sozialen Bedingungen diese unehelichen Kinder erzeugt wurden. Mit Moral hat das alles nichts zu tun, sondern nur mit den damals geltenden Gesetzen bzw. deren Anwendung.

Bis etwa 1845 erhielten uneheliche Kinder den Familiennamen des Vaters. Erst ab 1845 trugen sie den Namen der Mutter. Oft ist aus dem Taufbuch nicht ersichtlich, welchen Familiennamen das uneheliche Kind hat, denn die Spalte Kind enthält nur den Vornamen, weitere Spalten die Namen von Vater und Mutter. Die Suche mit Hilfe eines Namensregisters ist erfolglos, wenn man nicht gerade zufällig den richtigen von den zwei möglichen Namen (Familienname des Vaters oder der Mutter) erwischt, obwohl der Taufeintrag vorhanden wäre.

Die Abkürzung p.m.s.e. in Urkunden bedeutet: "per matrimonium subscript ejus", "nach Heirat der Eltern für ehelich erklärt". Falls ein Kind bei der Taufe den Familiennamen der Mutter erhielt, ändert sich bei der Ehelich-Erklärung der Familienname des Kindes.

Oft tauften die Pfarrer aus Bosheit die unehelichen Kinder mit ungewöhnlichen Vornamen, um sie zu diskriminieren. Dabei konnten die Kinder am wenigsten dafür, dass sie unehelich waren. Die Mutter des Kindes war bei der Taufe (am Tag der Geburt oder am nächsten Tag) nicht dabei und wurde auch nicht gefragt.

Zusätzliche Quellen bei unehelichen Kindern

Etwa ab Beginn des 20. Jahrhundert gibt es amtliche Vaterschafts-Feststellungen durch die zuständigen Vormundschafts-Gerichte. Das ist eine zusätzliche Quelle, jetzt im Staatsarchiv, wenn der Geburtseintrag beim Standesamt keine Vaterangabe enthält.

Bei  unehelich geborenen kann auch die Heirat Informationen über die Eltern enthalten, die im Taufeintrag nicht stehen. Zum Beispiel, was aus den Eltern bis zur Heirat des Kindes geworden ist, wo sie zwischenzeitlich anderweitig geheiratet haben. Es gibt außerdem im Staatsarchiv  "Pfarrbuchzweitschriften"  (verfilmt), die von den Pfarrern auf amtliche Formulare geschrieben und jährlich an das Landgericht abgegeben wurden. Dieser nachträgliche Taufeintrag könnte vom ersten Taufeintrag im Pfarrbuch abweichen, schon aufgrund des Formulares.

Dr. Hanke meinte einmal, dass die Pfarrer die ledigen schwangeren Mädchen im Beichtstuhl nach dem Vater ausgefragt haben und diese geheime Information auch in das Taufbuch eingetragen haben. Zwecks Geheimhaltung wurden sogar getrennte Taufbücher für uneheliche Kinder geführt und diese bis in die Gegenwart im Tresor verwahrt. In so einem Fall könnte der Taufbucheintrag vom standesamtlichen Geburtseintrag abweichen und wertvolle Hinweise für den Familienforscher enthalten.

In manchen Hofmarken wurden Verhör- und Briefprotokolle in einem Band geführt, z.B. Hofmark Rinnenthal im Gericht Friedberg. Hier liest man häufig "Leichtfertigkeitsstrafen". Bereits während der Schwangerschaft wurde die Ledige vom Richter verhört und bestraft. Dabei wurde auch nach dem Vater des Kindes gefragt, denn der Vater wurde genauso für seine Leichtfertigkeit bestraft.

Selbst die Briefprotokolle enthalten Angaben über uneheliche Kinder: Die Kindsmutter verlangte "Kostgeld". Der ledige Kindsvater hatte kein Geld, aber einen Anspruch auf ein Erbteil. Wurde aus dem Erbanspruch (Heiratsgut-Zusage) vom Vater oder Hofbesitzer etwas ausbezahlt, ließ sich dieser den Betrag natürlich in notarieller Form quittieren.

Eheverträge enthalten Angaben über Kinder, die ein Partner in die Ehe mitbringt. Oft ganz versteckt zum Ende des Textes, bei der Vereinbarung für den Todesfall ohne eheliche Kinder. Dann sei das Heiratsgut nicht an Eltern oder Geschwister zurück zu zahlen, sondern steht dem unehelichen Kind zu.

Zuletzt: Ledige Frauen aus der Umgebung konnten zur Entbindung nach München in das Gebärhaus gehen. Die Taufe wurde natürlich hier in München vorgenommen. Gestorben sind diese Kinder kurze Zeit später im Heimatort der Mutter bei einer Pflegemutter, der sogenannten "Engelmacherin".

Datenverarbeitung bei unehelichen Kindern

Die übliche Ortsfamilienbuch-Darstellung räumt den unehelichen Kindern unverhältnismäßig viel Platz ein. Für jedes Kind wird eine Familiennummer vergeben  oder ein Familienblatt angelegt. Bei dieser "Familie" werden alle verfügbaren Informationen über Vater , Mutter  und Kind dargestellt.  Selten gibt es mehrere  uneheliche Kinder mit dem gleichen  Elternpaar.

Im Vergleich dazu genügt für jedes eheliche Kind eine Drittelzeile mit Vorname und Geburtsdatum.

Die unehelichen Kinder nehmen im 19. Jahrhundert die Hälfte der Familiennummern, sind aber höchstens 10 % der Geburten und Null % der  Bevölkerung, da sie meist aus Mangel an Pflege innerhalb von 3 Wochen gestorben sind.

In meiner Datensammlung www.genealogie-kiening.de  unterscheide ich zwischen

1. voreheliche Kinder: Heirat der Eltern erst nach Geburt des Kindes

Diese werden wie eheliche Kinder behandelt und sind in der Liste der ehelichen Kinder ohne besonderen Hinweis aufgezählt. Am Geburtsdatum erkennt der aufmerksame Leser, dass manche Kinder bereits vor der Heirat geboren wurden. Bis 1845 erhielten sie den Namen ihres Vaters, ebenso wie eheliche Kinder. Dann bekamen sie zunächst den Namen der Mutter und wurden nach der Heirat üblicherweise für ehelich erklärt.

2. uneheliche Kinder von ledigen Eltern

Meine Mitarbeiter haben in den meisten Pfarreien die unehelichen Kinder nicht erfasst, da viele innerhalb kurzer Zeit wieder gestorben sind. Kam ein uneheliches Kind zu einer Heirat, so steht es genauso wie ehelich Geborene in den Daten. Technisch problematisch und leicht irreführend  kann  ein fehlender Verweis zu den Eltern sein, da mein Programm Familien nur darstellt wenn ein Heiratsdatum vorhanden ist.

3. außereheliche Kinder von verheirateten Vätern

Hier besteht kein Unterschied zu den unehelichen Kindern

4. außereheliche Kinder von verheirateten Müttern

Das gibt es in den Akten normalerweise nicht, denn alle Kinder von verheirateten Frauen gelten als eheliche Kinder. Selbst wenn "alle" wissen, dass  ein Kind außerehelich gezeugt wurde, steht dies nicht in den Akten und  das Kind selbst erfährt es nicht.  Der  Ehemann hat  gute Gründe, nicht zuletzt im Interesse des Kindes, seine Vaterschaft nicht an zu zweifeln.
Wir können nur den amtlichen Inhalt der Urkunden darstellen und brauchen diesen Fall nicht vorsehen.
--------------------------------------------------------------

(C) Josef Kiening, zum Anfang www.genealogie-kiening.de