Josef Kiening: Genealogie im Gebiet nordwestlich von München

Briefprotokolle, Typen der Notar-Verträge

Wesentlich detailreicher als "Pfarrmatrikel " sind die notariellen Urkunden (" Briefprotokolle ") in den Staatsarchiven . (Adressen der Archive )

 Hier finden Sie die wahre Geschichte, das Leben unserer Vorfahren. Alle wichtigen Veränderungen wurden damals wie heute als "freiwillige Gerichtsbarkeit" vom Notar beurkundet. Es geht um Geld, Besitz und Steuern.

Eine "amtliche" Anleitung finden Sie unter http://www.gda.bayern.de/famfor.htm

Da die Landbevölkerung vor 1800 kaum schreiben und lesen konnte, ging sie wegen jedem Grundstücks- und Geldgeschäft zu einem Notar ( d.h. zum Richter des für den Wohnort zuständigen Gerichtsbezirkes ). Der Richter oder sein Schreiber hat die Urkunde geschrieben. Von jeder Urkunde gibt es 2 gleichlautende Exemplare: Eines wurde den Beteiligten ausgehändigt (und ist selten bis heute erhalten) und eines wurde im Amt aufbewahrt. Alle Notar-Urkunden eines Jahres wurden zu einem Buch gebunden und sind jetzt in den Staatsarchiven.

Innerhalb des Gerichtes sind die Urkunden nach Jahr, Amt, und Datum geordnet. Für die Suche muß man also erst das Gericht, außerdem das Amt und (wenigstens ungefähr ) das Datum wissen.

Der Notar schrieb mehrere Urkunden am gleichen Tag. Nur bei der ersten trug er das Datum ein.  Die weiteren Urkunden enthalten nur "actum et supra" oder ähnlich, "geschrieben am gleichen Tag".  Um die Urkunden zu datieren, muß man die vorhergehenden Urkunden anschauen, die für ganz andere Leute und Objekte geschrieben wurden, bis man auf einen Datum-Eintrag stößt.
Wenn Sie nur die Kopie einer Seite mit Datum "am gleichen Tag" haben, können Sie diese Urkunde nicht datieren und es wird auch schwierig, diese Seite im Buch wieder zu finden, außer die Seiten sind nummeriert.

Die Briefprotokolle sind bei etwas Übung nicht schwer zu lesen, da sich die juristischen Texte damals wie heute nach den Gesetzen richten. Auch heute benützen die Notare einheitliche Vorlagen für ihre Urkunden und früher war das genauso. Der Wortlaut jedes nachstehenden Urkundentyps ist fast einheitlich. Der Leser lernt den Standard-Text bald auswendig und sucht nur nach den Variablen, also Namen, Orte und Beträgen.

Übergabeverträge

Beispiel-Texte : Wertberechnung, Textbeispiele für einen Großbauern und einen Häusler (mit Erläuterungen und Kommentar)

Der Besitzübergang zwischen Lebenden infolge des Generationswechsels in einer Familie wird so genannt. Einer oder eine aus der jungen Generation wird Eigentümer, die alte Generation erhält dafür den "Austrag". Geschwister zur jungen Generation sind wie bei einem Erbfall auszuzahlen. Ab 1650 war Übergabe und Heirat der neuen Generation meist zeitgleich. Vor 1650 erfolgte wegen des bis dahin verbreiteten Leibrechtes die Heirat häufig vor der Übergabe.

Austragsbrief

Die Alterssicherung und Versorgung der durch eine Übergabe besitzlos gewordenen "Austrägler" wird hier geregelt. Nach der Übergabe tauchen die Austrägler nur noch selten in den Urkunden auf. Das Todesdatum kann Jahre später liegen. Beispiel-Texte: Großbauer, anderer Großbauer, seltsamer Austragsbrief

Kaufvertrag

Bei Besitzwechsel durch Kauf ist dies die einzige Quelle, etwas über die Herkunft des Käufers zu erfahren. In den Pfarrbüchern führt ein Besitzwechsel durch Kauf durch eine bereits an anderem Ort verheiratete Familie regelmäßig zu einem "Toten Punkt", der nur durch diesen Quellentyp im Staatsarchiv überwunden werden kann. Beispiel-Text

Ehevertrag "Heiratsbrief"

Auch Heiratsbrief genannt. Der einheiratende Gatte bzw. die Gattin verpflichtet sich zur Zahlung eines Heiratsgutes , in bar oder in Raten. Dafür erwirbt er / sie den Hälfteanteil des Eigentumes. Das Heiratsgut sollte also den halben Schätzwert des Anwesens betragen. Stirbt der / die Einheiratende ohne Kinder, so wird das Heiratsgut nach Abzug der Beerdigungskosten an die Verwandtschaft zurück bezahlt. Sind Kinder vorhanden, steht das Heiratsgut als Vater- oder Muttergut den Kindern zu. Die Eheverträge enthalten Herkunftsangaben, meist Eltern oder einen Bruder. Beispiel-Text

Erbvergleich "Vertrag"

Die Erben schließen über den Nachlaß eines Toten einen gerichtlichen Vergleich. Diese Quelle enthält die zuverlässigsten Verwandtschaftsangaben, viel zuverlässiger als die leicht irreführenden Taufbücher. Ist der Verstorbene hochbetagt oder erben gar seine Geschwister, da er keine Nachkommen hat, so entstehen komplizierte und umfangreiche Verwandtschaftsbeschreibungen über mehrere Generationen, die absolut zuverlässig sind. Da die Erben über eine größeres Gebiet verstreut sein können, können Verwandtschaften auch in sonst quellenlose Orte (durch verlorene Pfarrbücher etc.) zeigen.

In Bezug auf die Person des Toten ist vom Nachlaß, beim Empfänger aber vom Erbe die Rede.

Geburtsbrief

Wer seinen Gerichtsbezirk verlassen und sich anderswo niederlassen wollte, benötigte einen Geburtsbrief seiner Heimatbehörde.

Ehhaftsbrief

Eine Art Anstellungsvertrag oder Monopolvereinbarung für einen Handwerker: Schmied, Bader, Müller . Ausführlicher siehe Ehaftsbrief .

Ankunftsbrief

Der Briefprotokoll-Titel Ankunftsbrief taucht auf, wenn eine Immobilie den Besitzer wechselt, aber nur ein Vertragspartner existiert, nämlich der neue Besitzer und weder Elternteile, noch Geschwister leben, mit denen er sich "vergleichen" müßte. Diese Form kommt also nur bei Alleinerben vor oder bei Zubau-Grundstücken, für die nicht das gleiche Gericht wie beim Haus-Grundstück zuständig ist. Das Gericht bestätigt und verbrieft, daß der neue Eigentümer auf der Immobilie "angekommen" ist. Bei Zubau-Grundstücken beruft es sich dabei auf die vorgelegte Urkunde für das Hausgrundstück, die bereits vom dafür zuständigen Gericht geschrieben wurde. Interessant ist das, wenn vom anderen Gericht die Archivalien fehlen.

Inventare

Regelmäßig wurde für eine Übergabe oder einen Nachlaß ein Besitz-Inventar aller Haushalts- und Vermögens-Gegenstände erstellt. Leider sind diese hochinteressanten Listen selten erhalten. Beispiel-Texte: Inventare mit Kopien der Original-Urkunden als Leseübung.

Bestandsbrief (Mietvertrag) 

Hier finden Sie ein seltenes Beispiel von einem Mietvertrag aus der Zeit um 1700 für einen Bauernhof.

Quittungen

Bei Übergabe, Kauf oder Erbvergleich wurden Zahlungen vereinbart. Die Zahlung erfolgte häufig Jahre oder gar Jahrzehnte später oder in Raten. Nach erfolgter Zahlung wurde vom Zahlungsempfänger eine Quittung verlangt und diese vom Notar erstellt. Ist die ursprüngliche Urkunde nicht mehr vorhanden, so kann die Quittung ein guter Ersatz sein. Ausführliches Beispiel

Schuldscheine

Da hier selten Verwandtschaftsangaben enthalten sind, ist dieser Urkunden-Typ für den Familienforscher wenig ergiebig.

Tagwerker- oder Hüteraufnahme

Das ist eine Art Anstellungs- und Mietvertrag mit Lebensversicherung. Der aufgenommene Tagwerker oder Hüter erhält von der Dorfgemeinde Arbeit, Wohnung im Gemeindehaus und im Invaliditätsfall Versorgung, ebenfalls Versorgung von Waisenkindern. Diese Verträge erhellen die Schicht der Besitzlosen, sind aber zu selten, um solche Familien ausreichend erforschen zu können.

Vormundschafts-Abrechnungen

Um solche Urkunden zu verstehen, muß man über eine Verwandtschaft schon gut Bescheid wissen. Schwierig zu lesen und wenig ergiebig.

Strafen

Notarurkunden aus der freiwilligen Gerichtsbarkeit und Urkunden der Strafgerichte sind normalerweise getrennt archiviert. Nur in manchen Hofmarken erscheinen die Protokolle von kleinen Straftaten, für die der Hofmarksrichter zuständig war, zwischen den anderen Urkunden. Sie ergeben ein farbiges Bild der früheren Lebensumstände und sind amüsant zu lesen. Ausgesprochen wurden Verwarnungen und kleine Geldbußen. Nur wer keine Geldstrafe zahlen konnte, mußte einige Tage in den Stock oder bei Frauen in die "Geige". Bei Leichtfertigkeit, das ist die Geburt eines unehelichen Kindes, kann ein solches Straf-Protokoll sogar für die Familienforschung interessant sein.

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(C) Josef Kiening, zum Anfang
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